Wer bewegt uns sicher durch das Dickicht der Städte?

 


 

DIE SMARTE ALTERNATIVE

Blick in die Zukunft: Der Stadtstaat Singapur stellt die Weichen für die künftige Mobilität seiner Bewohner. Zwei TÜV SÜD-Mitarbeiterinnen starten eine Entdeckungstour zu den Hotspots dieser Entwicklung.

Morgens um acht, wenn Singapur erwacht, gleicht der Bahnhof Bishan einem Bienenkorb. Aus den umliegenden Hochhäusern drängen Menschen auf dem Weg zur Arbeit in Scharen in die Metrostation – zu Fuß oder per Elektroscooter, per Bus oder Taxi, vereinzelt auch mit privaten Autos.

Im Drei-Minuten-Takt verlassen die U-Bahnen der Circle Line und der North South Line die Station. Das Geschäftszentrum mit seinen glitzernden Bürohochhäusern ist nur eine gute Viertelstunde entfernt, das weitläufige Wissenschafts- und Forschungsareal rund um die Universität wird in 25 Minuten erreicht.

Auf dem obersten Deck eines Parkhauses, direkt über dem quirligen Busbahnhof, steht Jin Sohyeon und blickt auf das Treiben zu ihren Füßen. Die 23-jährige Elektroingenieurin kam vor rund einem halben Jahr aus ihrer Heimat Südkorea nach Singapur – und ist vom quirligen Leben in der Sechs-Millionen­Metropole fasziniert.

JIN SOHYEON

TÜV SÜD Center of Excellence Digital Service, Singapur


Die gebürtige Koreanerin lebt seit Ende 2016 in Singapur. Ihr Spezialgebiet bei TÜV SÜD ist die sensorgestützte Überwachung „smarter“ Aufzüge in Gebäuden.

MOBILE ZUKUNFTSPROJEKTE

Modern, nachhaltig und hocheffizient: So stellt sich der südostasiatische Stadtstaat, der gerade einmal so viel Fläche wie Hamburg hat, gern dar. »Singapur hat in den vergangenen Jahren viel investiert, damit seine Bewohner schnell und bequem von A nach B kommen«, erläutert Eley Querner. »Anders als die meisten anderen asiatischen Metropolen hat man hier sehr früh auf ein dichtes öffentliches Verkehrsnetz gesetzt und versucht, individuellen Autoverkehr möglichst zu vermeiden.« Die 51-jährige Querner arbeitet seit zwei Jahren bei TÜV SÜD in Singapur und kennt die Mobilitätsstrategie ihrer Wahlheimat sehr gut. Ihr Spezialgebiet: die Sicherheit vernetzter Systeme.

Gemeinsam werden Jin Sohyeon und Eley Querner einen Tag durch den Stadtstaat fahren – und dabei das wichtigste mobile Zukunftsprojekt Singapurs erkunden: Die Metropole hat es sich zum Ziel gesetzt, ihren Verkehr „smart“ zu machen – und dabei spielt „hochautomatisiertes“ Fahren eine große Rolle. U-Bahnen, Busse und Taxis sollen schon in wenigen Jahren automatisch und fahrerlos unterwegs sein. Autonome vernetzte Pkw, die möglichst als Carsharing-Fahrzeuge genutzt werden, sollen einen guten Teil des Verkehrs ausmachen. Sie alle sollen vernetzt sein, damit der Verkehr fließt. Und sie sollen so sicher sein, dass Unfälle der Vergangenheit angehören.


FAHRERLOSE LEBENSADER

„Moving towards a new connected and interactive land transport community“ lautet die Vision des „Smart Mobility 2030“-Strategieplans, den die Regierung von Singapur vor zwei Jahren verabschiedet hat. Er bedeutet eine Revolution in der Art und Weise, wie sich Menschen in Großstädten fortbewegen – und wird den Stadtstaat zur verkehrsmäßig modernsten Metropole der Welt machen.

ELEY QUERNER

TÜV SÜD Center of Excellence Digital Service, Singapur


Die Expertin für Telekommunika­tionsnetze und vernetzte Systeme leitet die TÜV SÜD-Projekte rund um neue Mobilität in Singapur und verfügt über große internationale Erfahrung, unter anderem in Frankreich, Deutschland und Indonesien.

Was dies beispielsweise bedeuten kann, erleben Jin Sohyeon und Eley Querner in Punggol, einem neuen Wohnviertel, das in den vergangenen Jahren nahe der Grenze zu Malaysia entstanden ist.


Kaum einer der rund 100.000 Bewohner Punggols pendelt mit dem eigenen Auto zur Arbeit – obwohl der Vorort mit zwei Stadtautobahnen eigentlich bestens angebunden ist. Zu umständlich, zu wenig Parkplätze und vor allem viel zu teuer: Die meisten Menschen hier haben schlicht kein eigenes Fahrzeug. Die mobile Lebensader Punggols ist die Metrolinie. Und diese geht fast bis direkt vor die Haustür: Denn vom zentralen Metrobahnhof führt eine rund zehn Kilometer lange Einschienen-Bahn quer durch das Stadtviertel. An diesem Vormittag drängen sich Frauen mit Einkaufstaschen, Studenten auf dem Weg zu Uni und einige Rentner in den beiden Wagen. Sanft fährt das Schienenfahrzeug an. Das Besondere: Es bewegt sich automatisch, ohne einen Fahrer im Fahrzeug. »Noch steuern Sensoren im Gleisbett und den Bahnhöfen den Zug«, erklärt Eley Querner. »Vielleicht steckt die Technik für den automatisierten Betrieb aber bald schon im Fahrzeug selbst – so wie bei automatisiert fahrenden Autos.« Der Vorteil wären deutlich geringere Kosten als ­bisher und eine bessere Übertragbarkeit der Technologie auch auf andere Schienenwege.


Der Schienenverkehr, so Querner weiter, wird auch in einem smarten Mobilitätsnetzwerk eine zentrale Säule bilden: Die Entwicklung von autonomen Straßenfahrzeugen und neuen Formen wie Carsharing werde das Angebot aber sinnvoll ergänzen.

 

VON DER SCHIENE AUF DIE STRASSE

Wie der nächste Schritt der Entwicklung aussehen könnte, lässt sich auf dem Gelände des CleanTech-Parks im Westen Singapurs besichtigen. Seit 2012 setzt die Nanyang Technological University Singapur im Rahmen des Kooperationsprojekts „navia“ hochautomatisierte Shuttlebusse ein. Erst vor wenigen Wochen ist die zweite Fahrzeug­­­ge­neration in Betrieb ge­gangen. Jin Sohyeon und Eley Querner geben auf einem Touchscreen im Bus ihren Zielort ein und drehen eine Runde auf dem Universitätsgelände. Ein Lenkrad, mit dem sie in den Verkehr eingreifen können, gibt es in dem Bus nicht. Als ein Passant die Straße vor dem Minibus überquert, stoppt das Fahrzeug sanft – seine Radarsensoren und Kameras haben das Hindernis erkannt und den Bus zum Stehen gebracht. »Wie von Geisterhand«, findet Sohyeon. Trotzdem ist noch viel zu tun, damit die Fahrzeuge im späteren Einsatz unter Realbedingungen wirklich sicher sind. »Entscheidend sind zwei Faktoren: dass das System macht, was es soll, also zum Beispiel Hindernisse und ­Verkehrszeichen zuverlässig er­kennt, und dass es sicher gegen mögliche Hacker Angriffe von außen oder unbeabsichtigte technische Fehler geschützt ist«, erläutert Querner. Aktuell entsteht ein großes Testgelände für hochautomatisierte Autos und Busse mit Unterstützung von TÜV SÜD.

DIE ZUKUNFT DES AUTOVERKEHRS

Den vorläufigen Endpunkt der Entwicklung präsentiert Eley Querner schließlich im Hightech-Park One-North: In einem Forschungsvorhaben testet die Transportbehörde Singapurs seit 2015 den konkreten Einsatz hochautomatisierter Pkw im innerstädtischen Verkehr. Auf einer rund sechs Kilometer langen Teststrecke werden bis 2019 Fahrzeuge von bis zu acht Herstellern im öffentlichen Straßennetz unterwegs sein. TÜV SÜD ist als strategischer Prüf- und Zertifizierungspartner von Singapur Teil dieses Projekts und entwickelt Testmethoden und Kriterien, mit denen der Erfolg laufend bewertet und schließlich entschieden wird, wie erfolgreich das Projekt war. »Die Transportbehörde hat sich bewusst für TÜV SÜD als Partner entschieden, weil wir mit unserem Kompetenz­netzwerk bereits seit mehreren Jahren hochautomatisierte Fahrzeuge auf ihre Sicherheit testen und unter anderem in Deutschland Teststrecken betreuen.« Am Ende des Tages sind sich Jin Sohyeon und Eley Querner sicher: Die Mobilität von morgen wird vernetzt und autonom sein – in Singapur, aber irgendwann auch im Rest der Welt. Wenn es jemanden gibt, der dafür Sorge trägt, dass die neuen Technologien auch sicher sind – zum Beispiel die Experten von TÜV SÜD.

Autonome Mobilität live erleben: Im Video stellt Eley Querner ihr Entwicklungsprojekt vor.